„Nichts war zu sehen und zu hören als das Geschrei der Vögel und das Toben von Wind und Wasser.“ Quer über die riesige Leinwand gezeichnet, empfängt uns diese Zeile beim Eintreten ins große Haus des Oldenburgischen Staatstheaters – zum letzten der fünf Stücke unserer diesjährigen Theaterfahrten. Eine Darbietung über Fortschritt und Furcht, Vernunft und Verhängnis, das ewige Ringen zwischen Einzelgänger und Mehrheit, zwischen Vision und Tradition.
Der „Schimmelreiter“ nach Theodor Storm galoppiert nicht nur durch die nordfriesische Küstenlandschaft, sondern auch durch die Tiefen menschlicher Überzeugungen. Wie ein Deich baut sich das Stück zwischen Vergangenheit und Moderne auf, zwischen klassischem Schauspiel und technischem Scharfsinn.
Die Inszenierung wagt sich an eine Gratwanderung: originalgetreu in Kostümen und Sprache, doch modern durch eine zusätzliche Erzählebene. Eine riesige Leinwand, die nicht nur Kulisse ist, sondern selbst zum Botschafter wird, projiziert Wellen, Sturm und Geister auf die Bühne, lässt Realität und Aberglaube ineinanderfließen und verleiht der düsteren Stimmung noch mehr Tiefe.
Hauke Haien, der ewige Außenseiter, reitet seiner Vision entgegen: ein Deich, der den Fluten trotzt, errichtet auf Verstand, statt auf verstaubter Tradition. Doch das Dorf? Das Dorf kennt keine Zahlen, sondern ausschließlich Zeichen. Während Hauke mit wissenschaftlicher Präzision plant, prophezeit die Dorfgemeinschaft großes Unheil. Haiens klappriger Schimmel, der im Mondlicht wie ein Gespenst wirkt, er selbst, der die altbewährten Traditionen bricht und die Wissenschaft über die Religion setzt. Spuk oder Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich nicht entscheiden kann, ob sie sich eher vor der Natur oder vor Veränderung fürchten soll?
„Als sei hier alle Menschenmacht zu Ende, als müsse jetzt der Tod hereinbrechen, die Nacht und das Nichts.“ flimmert es nach der Pause auf der Leinwand und setzt eine düster akzentuierte Vorahnung.
Denn die Natur lässt sich nicht berechnen. Als eine Jahrhundertflut hereinbricht, nimmt sie nicht nur Haukes neu erbauten Deich mit sich. Das Wasser steigt und der Sturm tobt immer grässlicher, es gibt keinen Halt mehr. Hauke reitet noch ein letztes Mal auf die Gischt und die Wellen zu. Und dann – Dunkelheit. Alle Lichter erlöschen, der Sturm legt sich, der Ritt ist vorbei.
Nicht nur der Kampf gegen die Natur, sondern auch der gegen den Druck der Gesellschaft stellt einen zentralen Konflikt des Stücks dar. Egal, wie viel Überzeugungskraft er aufbringt, Hauke Haien steht ganz allein mit seiner Überzeugung – und scheitert nicht zuletzt am Widerstand der Dorfgemeinschaft.
Gerade wir als norddeutsche Schüler:innen und als Betroffene des Klimawandels, konnten den Bezug kaum übersehen. Hochwasser, Deichbau, Naturkatastrophen – Herausforderungen, die nicht nur im 19. Jahrhundert von Bedeutung waren. Wer wagt Fortschritt, um ihnen zu begegnen? Es zeigt sich, auch die Debatte über Veränderung ist zeitlos und führt auf vielen Ebenen unseres Zusammenlebens zu einem Kampf zwischen „So war es schon immer“ und „So könnte es aber sein“.
Mit dieser Aufführung endet unser Theaterjahr. „Der Schimmelreiter“ leitete ein würdiges Finale ein und bewies, dass alte Geschichten oft die brennendsten Fragen der Gegenwart stellen. Herzlichen Dank an Frau Witte für die erneute Organisation und Durchführung der Theaterfahrten! Wir hatten große Freude!
Artikelnachweis: Amela
„Nichts war zu sehen und zu hören als das Geschrei der Vögel und das Toben von Wind und Wasser.“ Quer über die riesige Leinwand gezeichnet, empfängt uns diese Zeile beim Eintreten ins große Haus des Oldenburgischen Staatstheaters – zum letzten der fünf Stücke unserer diesjährigen Theaterfahrten. Eine Darbietung über Fortschritt und Furcht, Vernunft und Verhängnis, das ewige Ringen zwischen Einzelgänger und Mehrheit, zwischen Vision und Tradition.
Der „Schimmelreiter“ nach Theodor Storm galoppiert nicht nur durch die nordfriesische Küstenlandschaft, sondern auch durch die Tiefen menschlicher Überzeugungen. Wie ein Deich baut sich das Stück zwischen Vergangenheit und Moderne auf, zwischen klassischem Schauspiel und technischem Scharfsinn.
Die Inszenierung wagt sich an eine Gratwanderung: originalgetreu in Kostümen und Sprache, doch modern durch eine zusätzliche Erzählebene. Eine riesige Leinwand, die nicht nur Kulisse ist, sondern selbst zum Botschafter wird, projiziert Wellen, Sturm und Geister auf die Bühne, lässt Realität und Aberglaube ineinanderfließen und verleiht der düsteren Stimmung noch mehr Tiefe.
Hauke Haien, der ewige Außenseiter, reitet seiner Vision entgegen: ein Deich, der den Fluten trotzt, errichtet auf Verstand, statt auf verstaubter Tradition. Doch das Dorf? Das Dorf kennt keine Zahlen, sondern ausschließlich Zeichen. Während Hauke mit wissenschaftlicher Präzision plant, prophezeit die Dorfgemeinschaft großes Unheil. Haiens klappriger Schimmel, der im Mondlicht wie ein Gespenst wirkt, er selbst, der die altbewährten Traditionen bricht und die Wissenschaft über die Religion setzt. Spuk oder Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich nicht entscheiden kann, ob sie sich eher vor der Natur oder vor Veränderung fürchten soll?
„Als sei hier alle Menschenmacht zu Ende, als müsse jetzt der Tod hereinbrechen, die Nacht und das Nichts.“ flimmert es nach der Pause auf der Leinwand und setzt eine düster akzentuierte Vorahnung.
Denn die Natur lässt sich nicht berechnen. Als eine Jahrhundertflut hereinbricht, nimmt sie nicht nur Haukes neu erbauten Deich mit sich. Das Wasser steigt und der Sturm tobt immer grässlicher, es gibt keinen Halt mehr. Hauke reitet noch ein letztes Mal auf die Gischt und die Wellen zu. Und dann – Dunkelheit. Alle Lichter erlöschen, der Sturm legt sich, der Ritt ist vorbei.
Nicht nur der Kampf gegen die Natur, sondern auch der gegen den Druck der Gesellschaft stellt einen zentralen Konflikt des Stücks dar. Egal, wie viel Überzeugungskraft er aufbringt, Hauke Haien steht ganz allein mit seiner Überzeugung – und scheitert nicht zuletzt am Widerstand der Dorfgemeinschaft.
Gerade wir als norddeutsche Schüler:innen und als Betroffene des Klimawandels, konnten den Bezug kaum übersehen. Hochwasser, Deichbau, Naturkatastrophen – Herausforderungen, die nicht nur im 19. Jahrhundert von Bedeutung waren. Wer wagt Fortschritt, um ihnen zu begegnen? Es zeigt sich, auch die Debatte über Veränderung ist zeitlos und führt auf vielen Ebenen unseres Zusammenlebens zu einem Kampf zwischen „So war es schon immer“ und „So könnte es aber sein“.
Mit dieser Aufführung endet unser Theaterjahr. „Der Schimmelreiter“ leitete ein würdiges Finale ein und bewies, dass alte Geschichten oft die brennendsten Fragen der Gegenwart stellen. Herzlichen Dank an Frau Witte für die erneute Organisation und Durchführung der Theaterfahrten! Wir hatten große Freude!
Artikelnachweis: Amela