
veröffentlicht am 15. Dezember 2025
Am vergangenen Donnerstag den 11.12 besuchte die AG Theaterfahrten gemeinsam das Stück „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsens. Der Abend begann mit einer gemeinsamen Busfahrt zum Oldenburgischen Staatstheater. Dort angekommen begaben sich Lehrer*innen, sowie Schüler*innen zunächst in einen spannenden Einführungsvortrag, der uns wichtige Hintergründe zum Stück, zur Handlung und zu den zentralen Themen vermittelte. Voller Vorfreude und gut vorbereitet auf ein Theaterstück, welches bis heute aktuelle Themen verkörpert, nahmen wir nun unsere Plätze ein.
Die politischen Gestalter eines Kurortes, dessen Prosperität einzig vom Erfolg des Kurbades abhängt, haben nicht nur alles auf ein Pferd gesetzt, sondern sind auch untereinander verklüngelt und verschwägert. Der Bürgermeister, Peter Stockmann, ist der Bruder des Badearztes und Wissenschaftlers Dr. Thomas Stockmann, der im Volksboten, der Lokalzeitung der Stadt, einen vermeintlich positiven Bericht über das Kurbad veröffentlichen soll, sich aber weigert, bis er Post von der hiesigen Universität erhält, bei der er Wasserproben in Auftrag gegeben hat. Es stellt sich heraus, dass das Wasser des Kurbades aufgrund von Umweltverschmutzungen im Mühltal höchst gesundheitsschädlich ist. Die Wasserleitungen müssten umgelegt werden, was eine Millioneninvestition bedeuten würde. Und fertig ist das brisante Politikum.
Folglich verkeilen sich der Bürgermeister, oberster Vertuscher des Skandals, die Redakteure des Volksboten, entweder Aufklärer des Volkes oder Bücklinge der Stadtmächtigen, die Familie um Dr. Stockmann und der Interessenvertreter der ansässigen Kaufleute, Herr Aslaksen, in einem erbitterten Kampf um Macht, Verantwortung und Wahrheit. Der Badearzt skandiert: „Es geht um den Schutz unserer Lebensgrundlage, was gibt es denn da zu diskutieren?“ und „Was nützt dir denn das Recht, wenn du keine Macht hast?“ und spätestens da fühlt sich das Publikum des Oldenburger Staatstheaters aus 1882 – der Erstveröffentlichung des norwegischen Dramas – ins Jetzt katapultiert. Warum werden die Umweltsünden unserer Zeit noch immer unter den Teppich gekehrt und trotz des Wissens um sie nicht schnellstmöglich behoben?
Die Gesundheit der Menschen steht in Konkurrenz zu vielen finanziellen und wirtschaftlichen Interessen und kann sich am Ende nicht durchsetzen. Dr. Stockmann wird zum Volksfeind erklärt und erlebt einen Spießrutenlauf der Verfolgung – nur weil er die Wahrheit sagen wollte.
Einem beeindruckenden multifunktionalem Bühnenbild – ein großer Brunnen mit Fischskulpturen – und einer bis ins kleinste Detail abgestimmten Garderobe der Schauspieler*innen – fifty shades of aquamarin – steht bei der Inszenierung des Stückes aus dem späten neunzehnten Jahrhundert jedoch ein mulmiges Gefühl bei den von Dr. Stockmann geäußerten Erkenntnissen zu Macht und Unterdrückung sowie der Mehrheit vs. den Nicht-Gehörten entgegen. Viele Sätze klingen in unseren Ohren heute sehr nach AfD-Sprech, weil die sich einer ähnlichen Rhetorik bemühen mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass der Badearzt die Wahrheit und die Wissenschaft auf seiner Seite hat, während die politische Rechte heutzutage auf Polemik und Stimmungsmache als Motivator für ähnliche Parolen setzt.
Gerade im heutigen Kontext wirkt das Stück erstaunlich aktuell: Auch heute stehen Menschen, die Missstände aufdecken oder unbequeme Wahrheiten aussprechen, oft unter Druck oder werden nicht ernst genommen, wenn ihre Aussagen den Interessen der Mehrheit widersprechen. Fragen nach Wahrheit, Verantwortung und Zivilcourage sind daher nach wie vor hochrelevant. So war das Stück visuell ein echtes Erlebnis, hallte aber im Kopf etwas beängstigend nach.
Nach dem Ende der Aufführung traten alle gemeinsam die Rückfahrt mit dem Bus an. Während der Heimfahrt bot sich noch Gelegenheit, über das Gesehene zu sprechen und eigene Eindrücke auszutauschen. Insgesamt bleibt der Theaterabend als bereichernde und zum Nachdenken anregende Erfahrung in Erinnerung. Besonderer Dank geht nochmals an Frau Focke für die Organisation dieser Fahrt.
Artikelnachweis: Henrike, Sb – Bildnachweis: Pixabay
